Spurensuche von Jochen Höske

Spurensuche

Posaunen und Trompeten - biblische Instrumente ?

 

Und damit der Posaunenchor auch gleich biblischen Ursprungs?

 

So glatt und einfach geht das sicherlich nicht.

 

Sicher, beide Instrumente werden im Alten Testament mehrfach erwähnt. Nur wissen wir heute, dass sie in ihrer Form und Tongebung mit den uns heute bekannten Instrumenten wenig gemein haben.

 

Im hebräischen Urtext in Josua 6 werden die von Priestern geblasenen Instrumente als SCHOFAR (= Widderhorn) bezeichnet und sind von M. Luther mit POSAUNE übersetzt worden. In englischen Übersetzungen teilweise mit trumpet, also Trompete. Auf einem Widderhorn lassen sich nur wenige (2)Töne erzeugen, die Technik der Tonerzeugung entspricht aber der, die für heutige Blechblasinstrumente angewendet wird. Das Widderhorn (Schofar) wird bei liturgischen Anlässen im Alten Testament erwähnt. Das mag, von Hunderten zugleich über 7 Tage lang geblasen, gewaltig geklungen haben. Vielleicht hat es am siebten Tage zusammen mit viel tausendfachem Kriegs-Geschrei auch die Mauern von Jericho einstürzen lassen. Obwohl das wohl mehr Gottes Wille war, der dies bewerkstelligte

 

Die "Drommete", hebräisch Hazozera, entsprach wohl der Ägyptischen und später römischen Tuba, einem einfachen gestrecktem Rohr mit kegelförmiger Ausbildung, auch schon einmal gewunden.

 

Und der Klang der Tuba-Drommete?.

Bei der Weihe des Tempels unter Salomo bliesen 120 Priester auf ihren Trompeten; > und es war, als wäre es einer, der drommetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn < (2. Chronik 5, 13)

 

Immerhin sollen die Trompeten schon aus Silber getrieben gewesen sein und klangen damit offensichtlich "sauberer" und vor allem heroischer, strahlender, majestätischer, königlicher usw.

 

Diese Zuordnung ist dem "Blech" oder Neudeutsch "Brass" bis in unsere Zeit erhalten geblieben. Wo immer in der klassischen Musik diese Instrumente solistisch oder als Gruppe eingesetzt werden, sind sie mit den Attributen "göttlich, königlich, großartig und gewaltig" besetzt.

 

Und auch in der Bibel sind sie immer mit Gott, seinem Nahen oder seinem Wirken eng verknüpft.

 

Nur einen biblischen Bläserchor aus Trompeten und Posaunen hat es nicht gegeben. Da also liegt die Wiege der Posaunenchöre nicht, auch wenn manch einer dies ganz gerne hätte, wenn er sich auf den 150. Psalm beruft.

 

Vielleicht kommen wir über die Entwicklung der Instrumente weiter.

 

 

Die Entwicklung der Instrumente

 

Blechblasinstrumente gehören zu der Gruppe der Aerophone, Luftklingern , zu der alle Instrumente gehören, auf denen der Ton durch Luftvibration erzeugt wird, d.h. in diese Gruppe gehört alles von der Mundharmonika über alle bekannten Blasinstrumente, der Orgel bis hin zum Luftschwirl am Strand.

 

 

Im Gegensatz zu anderen Instrumenten werden die Töne durch den menschlichen Körper erzeugt. Die Atemluft wird durch einen etwa ellipsenartigen Lippenspalt geblasen, so dass Unter- und Oberlippe in der Mundöffnung zu schwingen beginnen. Dieses prusten kann man mit etwas Übung auch ohne Instrument in verschiedenen Tonhöhen selbst zustande bringen. Deutlich wird dabei, dass das Instrument nur der Verstärkung, Tonfärbung und Stabilisierung des erzeugten Tones dient, der Körper selbst beginnend mit dem Zwergfell bis zu den Lippen einen wesentlichen Teils des gesamten Schwingungssystems ausmacht und teilweise sehr charakteristisch und personenbezogen auf den erzeugten Ton einwirkt.

 

So sind auch ungeübte Ohren in der Lage, den einzigartigen Ton Louis "Satchmo" Armstrongs heraus zu hören, mit etwas Übung das "Singen" bei L. Güttler zu entdecken und bei R. Friedrich und H. Hardenberger hat man manchmal den Eindruck, eine Oboe zu hören. Die unerhörte Eleganz des Tones v. M. Andre und der manchmal schneidend scharfe Ton von A. Scheerbaum und P. Thibaud sind ebenfalls für ein geübtes Ohr heraus zu hören.

 

 

Grundsätzlich unterscheidet man Blechblasinstrumente in zwei Gruppen.

1.      Hörner. Dazu zählen Jagd oder auch Parforce Hörner, Waldhörner, Tenorhörner, Bariton, Euphonium (Tenor Tuba) und Tuba, und neuerdings das von L. Güttler wieder entdeckte corno da caccia. (Jagdhorn).

Charakteristisch für Hörner ist die, über weite Strecken ständige konische Zunahme des Rohrdurchmessers über die gesamte Länge des Instrumentes, sowie die Ausbildung des Mundstücks, das eher kegel- oder trichterförmig ausgebildet ist. Dies zusammen mit der konischen Zunahme des Rohrdurchmessers führt zu einem etwas weichen, dumpfen und rundem Ton.

 

2.      Trompeten. Dazu zählen Piccolo Trompete, Trompeten, Fanfaren, Posaunen und Chimbasso (Tuba-Posaune). Charakteristisch für diese Instrumente ist, dass deren Rohrdurchmesser über weite Strecken zylindrisch verläuft. Die Ausbildung des Mundstücks ist eher kesselförmig. Dies führt zu einem eher strahlendem, schärferen und hellerem Ton.

 

Dazwischen gibt es zusätzlich allerlei Kombinationen der konischen und der zylindrischen Bauweise, sodass es zu, manchmal durchaus gewollten, Mischklängen kommen kann.

Für alle Blechblasinstrumente gilt, je länger das Rohr (Instrument), je tiefer der Ton. Wie bei einer Orgel, wird die Länge grob nach dem Maß des Fußes ('), 30.48 cm, bestimmt.

Tuba, Waldhorn, und Chimbasso sind 16', d.h. die gestreckte Rohrlänge liegt bei 4, 9 m. Posaunen, Tenorhörner sind um 2,4 m lang, also 8', Trompeten, Cornetti sind 4', die Hoch-b Trompete demnach 2'.

 

Die ganz tiefen Instrumente (Tuba usw.) liegen ab der Contra-Oktave, die zweite Gruppe (Posaunen usw.) ab der großen Oktave, die Trompeten ab Mitte der kleinen Oktave und die Piccolo ab Mitte der eingestrichenen Oktave.

Nach oben sind für alle Blechblasinstrumente die Grenzen weit offen, Spitzenkönner beherrschen bis zu 3 1/2 Oktaven. Besonders groß ist der Umfang beim Waldhorn, das durchaus im Bereich der Tuba spielbar ist und bis in die Höhe der Trompete hinauf langt.

 

 

Weiter gilt für alle Blechblasinstrumente, dass die Naturtöne, die nur durch unterschiedliche Lippenspannung entstehen immer enger zusammen liegen, je höher man bläst.

Der Abstand zwischen dem ersten Naturton, auch Stimmton genannt (z.B. B), und dem zweiten (b) beträgt eine Oktave, zwischen dem zweiten und dritten eine Quinte (f-b'), dann nur noch eine Quarte (b'-d'). Der Abstand verringert sich mit zunehmender Höhe und wenn man in den Bereich des 16-24 Naturtons gelangt, sind sogar chromatische Tonfolgen möglich.

 

Die Trompeter der Barockzeit beherrschten diese Technik und waren damit in der Lage, z.B. die Bachschen Trompetenpartien zu spielen. Die Länge der Barocktrompeten entspricht in etwa der Länge unserer heute gebräuchlichen Posaunen, also um 224 cm, abhängig natürlich von dem Stimmton, eine Trompete mit dem Stimmton b ist länger als eine mit dem Stimmton c.

 

Trompeten gibt es seit ca. 4000 Jahren. Die ältesten, erhaltenen Trompeten gibt es aus dem Grabe des Tutanchamun (um 1350 v. Chr.). Eine ist aus Silber, 58,2 cm lang mit konischer Mensur von 1,7 bis 2,6 cm Durchmesser und einem Schallbecher von 8,2 cm Durchmesser. Die zweite ist aus Bronze mit ähnlicher Mensur, aber nur 50,5 cm lang.

 

Damit entspricht die Länge in etwa der gestreckten Länge der heutigen Hoch B/A Trompeten (ca. 65 cm), die häufig fälschlich als Bachtrompeten bezeichnet werden. Sie haben aber mit den barocken Instrumenten nichts gemein, die waren ca. 224 cm lang und hatten außerdem noch keine Ventile.

 

 

Und die Posaune. .

 

Sie entstand in ihrer heutigen Form etwa Mitte des 15. Jahrhunderts aus der Zugtrompete, auch "tromba di tirasi" genannt.

 

Mit der Entwicklung des Metallbaus ab ca. 1400 wurde das Biegen von Rohren möglich. Aus den geraden Blechblas-Instrumenten von 2 und mehr Metern Länge wurden handliche Größen, die 1 bis 1,5 Meter lang waren. Damit wurden die Instrumente vielfältiger einsetzbar. Der nächste Schritt, sicherlich auch bedingt durch leichter zu bearbeitende Metall-Legierungen, war das Ineinanderfügen zweier Rohre um so einen Zug entstehen zu lassen; bei der Zugtrompete (Posaune) ist dieser gelegentlich ein Doppelzug.

 

Mit diesem Instrument war es nun erstmals möglich, auch die zwischen den Naturtönen der Blechblasinstrumente klaffende Lücke zu schließen. Man verlängerte das Instrument durch das Ausziehen des Doppel-Zuges um ca. 2 x 5-6 cm und erreichte so den nächst tiefer liegenden Halbton.

 

Der größte Abstand zwischen den spielbaren Naturtönen ist eine Quinte, anders ausgedrückt, er beträgt 7 Halbtonschritte, oder 3 1/2 Töne, z.B. f - b, oder g - c.

 

Diesen Abstand wird durch 6 x 2 x 5 (6) cm Zugverlängerung überbrückt.

Als Beispiel:

Platz 1 Naturton f

Platz 2 Naturton f +10 cm = e

Platz 3 Naturton f +20 cm = es

usw. bis Platz 7 Naturton f + 90 cm = h

Platz 1 Naturton b

 

Dabei muss zusätzlich beachtet werden, dass mit zunehmender Tiefe die Abstände wachsen können, dass einige Naturtöne nicht genau auf Platz 1 liegen, sie sind etwas „unsauber“. Dies ist durch den Zug oder durch nachlassende oder verstärkte Lippenspannung auszugleichen.

Alle höher liegenden Naturtöne haben einen geringeren Abstand von einander und somit konnte nun die chromatische Tonleiter (jeder Halbtonschritt) gespielt werden.

 

Viel hat sich an der Posaune (Zugtrompete) im Laufe der Jahrhunderte nicht verändert, sieht man von neuen (besseren?) Materialien und der Möglichkeit maschineller Herstellung einmal ab. Es ist sicher eine handwerkliche Meisterleistung gewesen, ohne maschinelle Hilfe aus gehämmertem Blech die ineinander laufenden Züge der Posaune zu formen.

 

Und der Name der Posaune. Die Sarazenen , mit diesem Begriff wurden im Mittelalter alle Araber bezeichnet, hatten eine gerade Trompete, die buqat , oder buq-al-nafir genannt wurde. Eine andere Möglichkeit ist es, dass der Name von der lateinischen bucina, einem gebogenen Metallhorn hergeleitet werden kann.

 

Mit der Erfindung des Doppelzuges wurde aus

Buqat - bucina - Busine - Pusune - Posaune

 

Warum dieses herrliche Instrument nie die große Aufmerksamkeit der Komponisten gefunden hat, ist nicht erklärlich, es gibt aber sehr wenig Literatur und relativ wenige Solostücke für die Posaune aus der Renaissance, dem Barock und der Klassik.

 

Und nun Trompete und Posaune zusammen.

 

Das diese beiden so sehr mit einander verwandten Instrumente zusammen musizieren konnten oder besser durften, war zumindest in Deutschland und Österreich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein nicht so leicht möglich. Die königliche Trompete mit ihren in der Zunft der Trompeter und Pauker organisierten Musikern, die in fürstlichen Trompeterkorps eine herausragende Stellung an dem jeweiligen Hofe hatten und die bürgerliche Posaune erklangen nur sehr selten zusammen.

 

Das, was wir heute an (Tanz- und Unterhaltungs-) Musik aus der Renaissance, dem Barock und der frühen Klassik auf Tonträgern eingespielt hören können, wurde damals von allen möglichen Instrumenten-Kombinationen gespielt, z.B. Posaunen und Zinken (Holztrompete) zusammen oder Posaunen mit der Vielzahl der damals bekannten Holzblasinstrumente, aber kaum Trompete und Posaune zusammen. Auch in der Kirchenmusik und in der Kunstmusik nicht. Mit einer einzigen mir bekannten Ausnahme. Von dem Kremsir (Olmützer) Hoftrompeter P. Vejvanowsky (1640-1693) gibt es Sonaten, in denen neben anderen Soloinstrumenten auch die Trompete und die Posaune gemeinsam eingesetzt werden.

 

Etwas näher kommen sich die beiden Instrumente dann bei Leopold Mozart. Er hat eine 9-sätzige Sonate geschrieben, in der die Posaune in den Sätzen 5-7, die Trompete in den Sätzen 8 u. 9 als Soloinstrument auftreten. Diese Sätze werden häufig aus der Sonate ausgekoppelt und als Solokonzert gespielt.

 

Und wann wurden die beiden Instrumente das erste Mal in einem Orchester gemeinsam eingesetzt? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht in Beethovens 5.Sinfonie, anno 1808 z.B. das erste Mal zusammen? Zu diesem Zeitpunkt waren die Trompeterkorps allerdings bereits in der Auflösung begriffen. In Preußen wurde das bestehende Zunftwesen unter den Trompetern der preußischen Kavallerieregimenter von Friedrich Wilhelm III. am 8. November 1810 aufgelöst. In Sachsen dauerte es bis zur allgemeinen Aufhebung des Zunftzwanges bis 1831, das Trompeterkorps blieb bis 1913 ohne Privilegien bestehen. In Wien wurde der Verein der Hoftrompeter als Nachfolgeorganisation der Zunft an 28. August 1878 aufgehoben.

 

Preußen überführte die Trompeterkorps in das Militär und es kamen noch so manch anderes Instrumente aus den unterschiedlichen Familien hinzu. Mit dem Ergebnis, dass es auch noch heute keine einheitliche Notation für diese Instrumente gibt. Ausgehend von der Klavierschreibweise oder der klingenden Schreibweise spielt die Trompete alles einen Ton tiefer als geschrieben, das Tenorsaxofon und Tenorhorn einen None (9 Töne) tiefer usw. In der Orchestermusik gilt vieles ähnlich.

 

J.S.Bachs Musik in den Posaunenchören

 

Literatur für Posaunenchöre gab es für die ersten Chöre, die um 1840 entstanden, naturgemäß nicht. Also wurde auf vorhandenes zurückgegriffen. Hier boten sich die bekannten Sätze für vierstimmig gemischten Chor gerade zu an. Dazu zählten natürlich auch die Choralsätze von J.S. Bach.

 

Wahrscheinlich liegt es an der musikalischen Qualität dieser Musik, dass es noch heute, auch in unserem Einfelder Chor, sehr schnell gelingt, diese Sätze sauber zu musizieren.

 

Hat Bach nun für Posaunenchor geschrieben? Wenn man es nicht so ganz eng sieht, erstaunlicher weise ja.

 

Bach hat in seiner Zeit als Thomaskantor in Leipzig bei den Musikern, die er für seine Aufführungen einsetzte, u.a. auch auf die Leipziger Stadtpfeifer zurückgegriffen. Die klassische Besetzung damals bestand aus 5 Musikern, einem Zink und 3 Posaunen und einer Pauke. Der Zink als oberste Stimme ersetzte die Trompete. Er war zwar aus Holz oder Elfenbein, wurde aber mit einem Kesselmundstück geblasen und kam in seinem Klang dem der Trompete einigermaßen nahe. Natürlich klang der Zink weniger strahlend als eine Trompete, dafür aber intonierte er sauberer: Da das Corpus des Zink Bohrungen wie ein Holzblasinstrument aufwies, konnte der Spieler die vollständige chromatische Skala ausführen ( jeder Halbtonschritt war möglich) während ein Trompeter im wesentlichen an die Naturtonreihe seines Instrumentes gefesselt blieb.

 

Das Quartett von Zink und 3 Posaunen war über das ganze 17. Jahrhundert hinweg und zu Anfang des 18. Jahrhunderts die Standartbesetzung der Ratsmusiker (Stadtpfeifer). Bachs Amtsvorgänger in Leipzig, Johann Kuhnau, schrieb über die Leipziger Stadtpfeifer:

 

"Wenn sie etwa zur Fest-Zeit ein geistliches Lied vom Thurme blasen, so werden wir über alle Massen darüber beweget und bilden uns ein, als hörten wir die Engel singen".

 

In der Kantate " Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe" BWV 25, komponiert zum 29. August 1723, also in Bachs Leipziger Antrittsjahr, fügt Bach in den Eingangschor über dem kunstvoll polyphonen Satz mit den düsteren Psamlworten zeilenweise den vierstimmigen Bläsersatz eines Chorals ein. Dem Choral liegt die uns allen bekannte Melodie von "O Haupt voll Blut und Wunden" zugrunde.

 

Wie in der heutigen Zeit auch, musste auch damals eine Gemeinde an die neue Musik gewöhnt und für sie gewonnen werden. Da half es, wenn in der neuen und ungewohnten Musik vertraute, damals sicherlich vielen bekannte Melodien auftauchten.

 

 

 

Zuletzt habe ich mit der Musik von J.S. Bach eine der musikalischen Wurzeln der Musik für Bläserchöre betrachtet. Wenden wir uns nun diesmal einem anderen Aspekt zu, ich will es mal eine der geistlichen Grundlagen nennen. Dazu müssen wir einige Jahre weiter zurückgehen.

 

Der Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, der ein außerordentlich frommer Mann war, dies bezeugen unter anderem Lieder, deren Texte noch heute in unserem Gesangbuch zu finden sind, gründete etwa um 1720 auf seinem Gut Berthelsdorf die Gemeinde Herrnhut. Tief im Sächsischen entstand dieses Dorf, in dem auch deutschsprachige Flüchtlinge aus Böhmen und Mähren eine Zuflucht fanden. Sie waren die letzten der um ihres Glaubens willen vertriebenen und nun nahezu ausgelöschten "Mährischen Brüder"

 

Im Jahre 1725 erfasste eine starke Erweckungsbewegung diese Gemeinde und sie wurde zur Keimzelle der später einmal weltweit aktiven Herrnhuter Mission. Die Missionare der Brüdergemeinde durchzogen Europa, Amerika und Asien und ihre Wortverkündigung war von erstaunlicher Kraft.

 

In dieser Gemeinde kam das Blasen auf. Es mag sein, dass dies von den musikalischen Flüchtlingen aus Böhmen und Mähren ins Leben gerufen worden ist. Schließlich gab es in ihrer Heimat um 1700 herum eine lebendige volkstümliche Kunst des Blechblasens.

 

In allen Herrnhuter Brüdergemeinden hat sich das Blasen sehr schnell ausgebreitet. So gibt es einen Bericht über den 12. Mai 1731: an diesem Tag ist der Graf von Zinzendorf mit 40 Herrnhuter Bläsern in das Nachbardorf Bertelsdorf gezogen und hat dem dortigen Pfarrer ein Ständchen geblasen.

 

Am 1.Juni desselben Jahres werden neu eintreffende Flüchtlinge mit den "eben in diesen Tagen erhaltenen Posaunen" begrüßt.

 

Graf Zinzendorf sagte einmal:

 

Es ist eine bekannte Sache, dass die die Lieder die beste Methode sind, Gotteswahrheiten ins Herz zu bringen und darinnen lebendig zu erhalten.

 

Leute, die hören mögen, findet man in der ganzen Welt; aber Leute, die ihrem Herrn singen und spielen und die des in Jahren nicht überdrüssig werden, die findet man nicht überall, sondern nur unter den Seinigen"

 

Der Bläserchor gehörte schon bald zu jeder Brüdergemeinde.

 

Von den ersten Bläserchören, die es um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Sachsen gegeben hatte, sind uns keine Spuren erhalten geblieben. Nur soviel ist sicher, die Missionare der Herrnhuter Brüdergemeinde haben dies weiter getragen und man kann annehmen, dass sie auch weiter diese Musik gepflegt haben.

 

Machen wir also einen Sprung in die Zeit um 1840 und in eine ganz andere Gegend in Deutschland.

 

Im Ravensburger Land, in die Gegend um Bielefeld, bildete sich in dieser Zeit die Keimzelle des CVJM. Aufgrund des damals für manche Menschen unerträglichen Verfalls der Sitten, wuchs das Bedürfnis nach Erneuerung und Festigung im Glauben. Dies war immer auch ein Anliegen der Herrnhuter Brüder. Man vermutet, dass einer dieser Brüder im Ravensburger Land gewirkt hat und dass mit ihm die Unterstützung des Gemeindegesangs durch Blasinstrumente hier auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

 

Im Jahre 1843 entstand jedenfalls nachweislich in Jöllenbek der erste Posaunenchor. Zunächst 6 junge Männer mit 5 Posaunen und einem Klappenhorn. Dieser Chor trat zusammen mit Johann Heinrich Volkening auf, dessen Erweckungspredigten ihm den Namen "Der Pflüger von Ravensburg" einbrachten. Zusammen mit den entstehenden "Jünglingsvereinen", den Vorläufern des CVJM, entstanden dann in 1853 in Hüllhorst und 1857 in Laar weitere Chöre.

Zunächst blieb dies auf das Ravensburger Land begrenzt.

 

Eduard Kuhlo (1822-1891) als Vorsitzender des Gauvorstandes der Jungmännervereine nutzte seine Möglichkeiten, der entstehenden Bewegung eine organisatorische Grundlage zu geben. Dies galt auch für die Posaunenchöre. Er war es auch, der 1871 zusammen mit seinem Sohn das erste Posaunenbuch mit 4-stimmigen Choralsätzen heraus gab.

 

Den entscheidenden Schub erhielt das alles aber durch den Sohn, Johannes Kuhlo (1858-1941). Er übernahm vom Vater 1891 die Aufgaben, nachdem er bis dahin schon als Bläser und Pfarrer in Hüllhorst tätig gewesen war. 1891 wurde er von Bodelschwingh in die Anstalten von Bethel berufen. Dort war er Vorsteher der Diakonenanstalt Nazareth.

Später wurde er dann Reichsposaunenmeister im Reichverband ev. Jungmännerbünde Deutschlands und wurde ehrfurchtsvoll "Posaunengeneral" genannt.

 

Das entscheidende Verdienst kommt J. Kuhlo zu, nämlich die Einführung der einheitlichen Griff- und Schreibweise für die Posaunenchöre.

 

 

Die Ausgangslage der Posaunenchorbewegung in den 1880er Jahren war folgende:

Zwei konkurrierende Modelle standen sich im gesamten deutschsprachigen Raum gegenüber "das westfälische Modell des nach der Klavierschreibweise aus den Jubilate-Büchern spielenden Posaunenchores" und das hannoversche Modell des nach der Militärschreibweise aus den Halleluja-Büchern spielenden Posaunenvereins. Dass das westfälische Modell den Sieg davontrug, verdankte es in erster Linie der prägenden Persönlichkeit von Johannes Kuhlo (1856-1941), Pastor in Hüllhorst und anschließend in Bethel.

Ihm war die Idee gekommen, einem Posaunenchor mit Blechblasinstrumenten in der einheitlichen Grundstimmung B auszurüsten und ihn nach der so genannten Klavierschreibweise spielen zu lassen. Er lieferte damit ein in sich geschlossenes, überzeugendes und auf der Höhe der künstlerischen Erneuerung seiner Zeit stehendes System, das bis heute die Posaunenchöre mitbestimmt.

Er richtete sich an den Prinzipien der Vokalimitation und des a-capella Dogmas der kirchenmusikalischen Restauration aus und verband sie in gleicher Weise mit den "antiweltlichen" Absonderungstendenzen der Erweckungsbewegung: das gesonderte Instrumentarium der

(Flügel-)Horn Familie (Flügelhorn, Tenorhorn, Bariton, Tuba), die gesonderte Notation der Klangschrift gegenüber der Griffschrift transponierender Instrumente, die gesonderten Posaunenbücher mit Partituranlage gegenüber der allgemeinen Musik-Edition mit Stimmausgabe und die gesonderte Gemeinschaft mit strengen Chorregeln gegenüber den weltlichen Gruppierungen. Auf diese Weise sollten die Bläser davor "bewahrt" werden, bei Volksmusikkapellen, Fanfarenzügen, Sinfonieorchester und dergleichen mitzumachen.

Um seine Leistungen einordnen zu können, muss man sich die damalige Situation bewusst machen.

Zum Instrumentarium: Die ersten Posaunenchöre benutzten alle möglichen und unmöglichen Blechblasinstrumente in den verschiedenen Stimmungen. Es handelte sich um "bläserische Geröllhalden", weil nicht das gekauft wurde, was praktikabel, sondern was erreichbar und erschwinglich erschien.

Zur Literatur: Auch hier bot sich anfänglich das gleiche Bild wie beim Instrumentarium. In Ermangelung gedruckter Notenausgaben, bedienten sich die ersten Posaunenchöre je nach Bedarf sowohl bei der geistlichen wie

bei der weltlichen Tonkunst, sowohl bei der Blas- wie auch bei der blasfremden Musik. Choräle, religiöse Lieder, Motetten, Volkslieder, Vaterlandslieder, Potpourris, Ouvertüren und Märsche, all das gehörte zum Repertoire.

Durch die von J. Kuhlo ab 1891 immer wieder bearbeiteten und 1921 und 1928 um zwei Bücher erweiterten Jubilate-Bände gelang es, ein durchgängiges Konzept in die Breite der Chöre hineinzutragen. Im Zentrum stand der Choral, an der Spitze dabei der Bach'sche Choralsatz; als Nebenzentrum das Volkslied, am Rand dagegen Motette und Marsch.

 

 

Gab es bis zum Ende des zweiten Weltkrieges noch relativ wenig eigenständige Posaunenchorliteratur, kann man seit einigen Jahren das Angebot überhaupt nicht mehr bewältigen. Zu jeden Kirchentag, zu jedem Landesposaunentag in der Bundesrepublik gab es jeweils ein oder gar mehrere Bücher oder Hefte, dazu noch weitere Bücher und Hefte aus den unterschiedlichsten Anlässen.

Das hat sich etwas gebessert und ist übersichtlicher geworden. Seit der Einführung des neuen Gesangbuches 1994 gibt es endlich auch ein überall in Deutschland für alle evangelischen Kirchen geltendes einheitliches Liedgut, was den Stammteil mit immerhin 535 Liedern und liturgischen Gesängen betrifft. Nur noch der Regionalteil mit 141 Titeln ist in unserem Gesangbuch auf Nordelbien begrenzt.

 

Dies gilt nun auch für die wichtigste Notensammlung der Posaunenchöre, das Posaunen Choralbuch (PCB). Steht im Gesangbuch in der Regel nur die Melodie und dann die Verstexte, stehen im PCB vierstimmige Bläserpartituren mit einer kleinen Einleitung, einer Intonation. Wie das aussehen kann ist beim Vers 6 des Liedes Nummer 70 "Wie schön leuchtet der Morgenstern" zu sehen, wo im Gesangbuch ein Bachsatz mit abgedruckt wurde.

 

Dazu brauchen wir natürlich auch noch Vorspiele, die über die kurzen Intonationen hinausgehen, also ein Vorspielbuch. Das ist nicht ganz so umfangreich, da manche Lieder nach einer gleichen Melodie gesungen werden, dafür ist das Format größer.

 

Dazu kommen nun inzwischen 3 Hefte für Kirchentage, die über einen längeren Zeitraum gelten sollen. Dies wäre so in etwa die Grundausrüstung an Notenmaterial, die jeder Bläser dabei haben sollte und die er auch musikalische einigermaßen beherrschen sollte. Wir kommen so auf 375 Choräle und Vorspiele und noch einmal so an die 50 freie Bläserstücke. Es ist klar, dass von Laienmusikern nicht verlangt werden kann, dies jederzeit abrufbar zu haben und sauber spielen zu können.

 

Nun will aber ein Chor auch nicht in der Routine erstarren und immer wieder Repertoire üben. Deswegen gibt es zusätzlich jährlich zumindest ein Heft mit neuen, aktuellen Sätzen zu bekannten Chorälen, freie Bläsermusiken alter Meister für Bläser gesetzt oder modernes Liedgut wie Gospel- oder Spiritual-Songs.

 

Und es gibt aus Anlass der im 4-Jahresrythmus stattfinden Landesposaunentage ein eigenes Bläserheft.

 

 

Damit Schluss mit dieser Spurensuche. Die Texte sind in den Jahren 1999 bis 2002 im Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Neumünster Einfeld erschienen. Im Februar 2005 habe ich die Texte zusammengefasst und revidiert.

Mir hat es Spaß gemacht, mich auf diese Suche zu begeben, den Lesern hoffentlich auch. Tschüss dann bis zur nächsten Veranstaltung mit dem Posaunenchor.

 

Euer Jochen Höske

 

Quellenangabe:

Aufsatz von Dr. Martin Geck, Prof. für Musikwissenschaft an der Uni Dortmund, erschienen im "Posaunenchor", Heft 00/3 entnommen.

 

Aufsatz von Rudi Naterski, der einmal Chorleiter in Einfeld gewesen ist.

 

Handbuch für Posaunechorleiter

 

"Die Trompete" von Edward H. Tarr, erschienen im Hallwag Verlag

 

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